Wenn der Schmerz nicht mehr geht!
Mein Schmerz hat sich verselbständigt – und das war der Moment, in dem ich aufgehört habe zu widerstehen
"Irgendwann hatte der Schmerz nichts mehr mit meiner Entzündung zu tun. Er war einfach da. Und er ging nicht mehr weg."
Ich weiß noch genau, wann mir das klar wurde. Nicht beim Arzt, nicht nach einem Befund – sondern an einem ganz normalen Morgen, als ich aufgewacht bin und gedacht habe: Das ist jetzt mein Leben. Das hier – dieser Schmerz – ist mein Alltag.
Ich hatte eine chronische Knochenmarksentzündung. Eine Diagnose, die die meisten Menschen nicht kennen – und die sich anfühlt wie etwas, das man sich nicht einmal vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Tiefer Schmerz. Konstant. Unberechenbar.
Aber das Verrückte war: Irgendwann hatte sich der Schmerz vollständig verselbständigt. Die Entzündung war behandelt – und der Schmerz blieb trotzdem. Er hatte sich in meinem Nervensystem eingenistet, als wäre er nie wieder bereit zu gehen.
Der Moment, in dem ich aufgehört habe zu widerstehen
Lange habe ich den Schmerz ignoriert, überspielt, weggeatmet. Habe funktioniert, weil ich nicht der Mensch sein wollte, der krank ist. Der schwach ist. Der nicht kann.
Dieser permanente Widerstand hat mich mehr Energie gekostet als der Schmerz selbst.
Und dann kam dieser eine Moment – erschöpft, ausgelaugt, mit nichts mehr in Reserve – in dem ich aufgehört habe zu widerstehen. Nicht weil ich aufgegeben habe. Sondern weil ich zum ersten Mal wirklich zugehört habe. Was will dieser Schmerz mir eigentlich sagen? Nicht als Feind, nicht als Strafe – sondern als Signal, das ich bis dahin konsequent überhört hatte.
Was Schmerzchronifizierung wirklich bedeutet
Chronifizierter Schmerz ist keine Einbildung. Er ist real – neurologisch, messbar, körperlich. Aber er ist auch etwas, das über den Körper hinausgeht. Er verändert, wie du schläfst, wie du denkst, wie du dich selbst wahrnimmst.
Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie aus "ich habe Schmerzen" irgendwann "ich bin ein Schmerzpatient" wird. Wie der Schmerz zur Identität wird, bevor man es überhaupt merkt. Und wie diese Identität anfängt, Entscheidungen zu treffen – welche Pläne du absagst, welche Träume du still beerdest, wie viel du dir noch zutraust.
Das war für mich die eigentliche Erkenntnis. Nicht der Schmerz selbst hat mich am meisten eingeschränkt – sondern die Geschichte, die ich mir über ihn erzählt habe.
Was mir wirklich geholfen hat
Zwei Dinge haben meine Beziehung zum Schmerz grundlegend verändert – nicht über Nacht, aber nachhaltig.
Das erste war der Atem. Nicht als Technik, nicht als Entspannungsübung – sondern als direkter Zugang zum Nervensystem. Ich habe gelernt, dass der Atem das einzige ist, das ich wirklich steuern kann, wenn der Schmerz kommt. Und dass er, wenn ich ihn bewusst einsetze, tatsächlich etwas verändert – im Körper, im Kopf, im Moment.
Das zweite war Körperarbeit. Sanft, achtsam, ohne Druck. Die Erkenntnis, dass der Körper nicht mein Gegner ist – auch wenn er sich manchmal so anfühlt. Dass Bewegung nicht bedeutet, durch den Schmerz hindurchzubeißen, sondern mit dem Körper in Dialog zu treten. Zu fragen, was er braucht. Und ihm zuzuhören.
Beides zusammen hat mir nicht den Schmerz genommen. Aber es hat mir zurückgegeben, was der Schmerz mir genommen hatte: das Gefühl, handlungsfähig zu sein.
Wo ich heute stehe
Ich bin nicht schmerzfrei. Das wäre eine schöne Geschichte – aber nicht meine.
Was ich gefunden habe, ist etwas anderes: einen Weg, mit dem Schmerz zu leben, ohne dass er mein Leben bestimmt. Einen Umgang, der nicht auf Verdrängung basiert – sondern auf Verständnis. Auf Ehrlichkeit mit mir selbst. Auf dem Mut, nicht jeden Tag stark sein zu müssen.
Das hat mich zu dem Coach gemacht, der ich heute bin.
Nicht trotz meiner Geschichte – sondern wegen ihr.
Frauke Sehner